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praxisC9 2008 – 2013

Terra praxis

Seit Freitag, dem 15.11.2013 sind wir als Wohn- und Kulturprojekt Praxis C9 gestorben. Nach einem etwa 2 Jahre andauernden Rechtsstreit und dem gescheiterten Versuch das gesamte Haus zu kaufen, mussten wir aufgrund des Vorwandes einer „erheblichen Gefahr für Leib und Leben“ ausziehen.

Schon im Vorhinein wurde durch gezielte Schikanen seitens der Hausverwaltung erheblicher Druck auf uns ausgeübt. Das Entfernen der Warmwasserboiler und das Verstopfen der Öfenschächte sowie die „zufällig auftretenden Wasserschäden“ zeigten, dass die Hausverwaltung „Kreatex“ schikanös gegen uns als Mieter*innen agierte.

2008 zog ein Freundeskreis aus verschiedenen Subkulturen in das leerstehende Erdgeschoss der Columbusstraße 9 ein. Ihr Ziel bestand darin, ein Wohn- und Kulturprojekt aufzuziehen. Neben der Zentrale der ostsächsischen KPD in den 30ern und einer Kita in der DDR beherbergte das Haus bis dahin eine Zahnarztpraxis. So fand das Projekt schnell zu seinem Namen „Praxis“. Durch umfangreiche Umbaumaßnahmen, gelang es fünf Wohnräume und einen außergewöhnlichen Veranstaltungsraum zu schaffen. Zahlreiche Hochetagen verliehen der Praxis das Feeling einer „Räuberhöhle“. Die legendär inkompetente Hausverwaltung TUK in Kombination mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen schufen einen großen Freiraum zum Ausleben aller möglichen Ideen.

Während der Existenz der Praxis vollzog der Kiez sozial wie baulich eine starke Veränderung. Prägten zum Zeitpunkt des Einzuges noch leerstehende Häuser, unsanierte Altbauten und unbebaute Brachen das Bild, so stellte das Haus Columbusstraße 9 eines der letzten unsanierten Häuser dar, Brachflächen verschwanden, Spielplätze entstanden.

Das Projekt stellte durch seine antifaschistische Positionierung von Anfang an einen Gegenpol zur örtlich verankerten Neonaziszene dar. Aus dieser heraus kommt es bis heute zu Schmiererein und Übergriffen; auch der NSU-Unterstützer Thomas Starke fühlte sich hier langezeit zuhause. Nach verschiedenen Angriffen wie Hakenkreuzschmierein am Hitlergeburtstag und einem Brandanschlag, bei dem ein Wohraum teilweise ausbrannte, erlangte die Praxis schließlich bundesweit traurige Berümtheit durch den Angriff von 250 Nazis am 19. Februar 2011.

Anstatt die Täter im rechten Milieu zu ermitteln, legte das LKA Sachsen sein Hauptaugenmerk auf die lokalen antifaschistischen Strukturen. So kam es im April 2011 zu einer martialischen Hausdurchsung in der Praxis. Herr Silex und Konsorten vermuteten dort die Zentrale der herbeihalluzinierten „Antifasportgruppe“ gegen die noch immer nach §129 ermittelt wird.

Aber die Praxis war vielmehr als nur ein Ziel von Naziangriffen und staatlicher Repression. Als dauerhafte Veranstaltung bot die allwöchentlich stattfindende Volxküche Raum für Diskussionen, Vernetzung und erschwingliches Essen.

Bestandteil unserer politischen Motivation ist der Aufbau selbstverwalteter Strukturen, die sich einer hierarchischen Verwaltung des Lebens widersetzen. Auch wollten wir ein undogmatischer, für viele offener Raum sein, der abseits kapitalistischer Konsumkonzepte einen bedürfnisorientierten Gegenentwurf bietet. Dabei sahen wir uns nie als Projekt im luftleeren Raum, sondern unsere Solidarität galt all jenen, die unsere Ideale teilen.

In diesem Sinne organisierten wir Vorträge, Konzerte und fungierten zum 13. Februar als Anlaufpunkt für Demonstrant_innen. Auch durch diese Aktivitäten entwickelte sich im Kiez nach und nach eine lebhafte und organisierte Nachbarschaft. Der soziale Charakter und die Entfaltunsmöglichkeiten motivierten viele in die Umgebung Columbusstraße/Wernerstraße zu ziehen.

Ausdruck dieser vernetzten Nachbarschaft ist das alljährlich stattfindende Straßenfest auf der Columbusstraße.

Auch wenn die Praxis in ihrer jetzigen Form verdrängt wurde, sind wir sicher, dass die politische Nachbarschaft ihren Einfluss im Viertel geltend machen wird.

Unsere eigene politische Arbeit führen wir, wie viele ehemalige Praxisbewohner_innen, in anderen Strukturen fort. Einige von uns planen erneut ein soziales Zentrum zu organisieren.

Wir danken allen Menschen, die uns in all den Jahren unterstützten, sei es durch inhaltliche Beiträge, Hilfe bei Baumaßnahmen, beim Kochen, sei es bei physischem wie psychischem Selbstschutz!

SCHEISS KREATEX!

KNÄSTE ZU BAULÜCKEN!

FREIRÄUME ERKÄMPFEN!

Rundruf der pizzeria anarchia

Seit 2011 existiert das Hausprojekt pizzeria anarchia in Wien. Neben dem selbstverwalteten Wohnen gibt es dort einen Kost-Nix-Laden, einen Infoladen und vorallem Pizza aus dem Steinofen. Derzeit befinden sich die Bewohner_innen im Rechtsstreit mit der Eigentümerin, der Castella GmbH. Diese will das Gebäude räumen lassen. Dazu wurde ein Rundruf nach Solidarität veröffentlicht, um eine Vernetzung mit anderen (bedrohten) Projekten einzuleiten.

Der Rundruf der pizzeria:

Ruhestörungen und BFE’s

Presseartikel aus der DNN vom 11.05.:

Polizei beendet Ordnungsstörung nahe der „Praxis“ in Dresden-Löbtau
ttr


Dresden. Einsatzkräfte der Polizeidirektion Dresden haben am Sonnabendmittag eine Ordnungsstörung nahe des linken Wohnprojektes „Praxis“ in Löbtau beendet. Zuvor hätten sich Anwohner über etwa 25 bis 30 Jugendliche beschwert, die auf einem Spielplatz an der Columbus-/Ecke Baluschekstraße feierten, so ein Polizeisprecher auf Anfrage von DNN-Online. Konkret sei es um Lärm und Alkoholkonsum gegangen. Bereits in der Nacht habe es erste Beschwerden gegeben. Zudem seien am Samstagvormittag „Glasflaschen durch die Gegend geflogen“ und zersplittert, einige Jugendliche hätten in der Öffentlichkeit uriniert und sich auch „in ihrem angetrunkenen Zustand dort auf dem Spielplatz schlafengelegt“. Als Anwohner die Jugendlichen ansprachen, seien sie beleidigt worden.

Deshalb rückten gegen 11 Uhr Polizeikräfte an, um die Ordnungsstörung zu beenden. Die Beamten stellten die Personalien von 19 Beteiligten fest und sprachen Platzverweise aus. Ein 26-jähriger Mann muss sich laut Polizei zudem wegen Widerstands und Beleidigung gegenüber den eingesetzten Beamten verantworten, weil er sich der Identitätsfeststellung widersetzte. Das „Praxis“-Gebäude selbst betraten die Polizisten nur kurz. Einige Hausbewohner hätten reflexartig die Türen zugehalten, als die Einsatzkräfte anrückten, sagte ein „Praxis“-Bewohner. Ein Mieter habe jedoch deeskalierend eingegriffen und dafür gesorgt, dass die Türen geöffnet wurden.

Bei ihrem Einsatz gingen die Polizisten laut Aussage der Betroffenen recht brutal vor. Die Beamten einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) hätten die jungen Leute bäuchlings auf den Boden geworfen, sich auf ihren Rücken gekniet und ihnen mit Handschellen die Hände auf dem Rücken fixiert. Dabei seien einige Personen verletzt worden. „Es gab zwar keine Platzwunden oder Brüche, aber Schürfwunden, Striemen und blaue Flecke. Manchen Leuten geht es nicht gut, das ist ja auch was Psychisches“, so eine junge Frau aus dem Umfeld der „Praxis“.

Ein Betroffener schätzte den Einsatz als „unverhältnismäßig“ ein. „Das kam für uns alle sehr überraschend und war ziemlich rabiat dafür, dass es nur um eine Ordnungswidrigkeit ging.“ Er habe vielmehr das Gefühl, „dass die auf was anderes aus waren“ und anschließend in Erklärungsnot gekommen seien.

Wie viele Beamte im Einsatz waren, ist bislang nicht klar. Während das Polizei-Lagezentrum von rund 20 Mann ausgeht, haben die Bewohner der „Praxis“ acht Einsatzwagen und rund 50 Beamte gezählt.

Das linksalternative Projekt „Praxis“ an der Ecke Wernerstraße/Columbusstraße besteht seit März 2008. In der ehemaligen Zahnarztpraxis im Erdgeschoss wird regelmäßig Essen für die Nachbarschaft ausgegeben. Die „Praxis“ beteiligt sich auch an Veranstaltungen wie dem Columbusstraßenfest. Zudem leben im Gebäude zahlreiche junge Leute in Wohngemeinschaften. Derzeit sei das Haus allerdings fast leergezogen, da am 21. Mai die Sanierung beginnen soll, so ein Bewohner. Der Hauseigentümer aus Stuttgart habe den Mietern zu Ende Februar 2013 gekündigt, die Mietverträge laufen längstens bis August. Die „Praxis“ war durch einen Brandanschlag auf das Gebäude im August 2010 und einen Neonazi-Überfall im Februar 2011 in die Schlagzeilen geraten.

© DNN-Online, 11.05.2013, 15:51 Uhr